erdmute prautzsch

 

Im Wohnzimmer des Gefühls

Thomas Klockmann, Grafiker, Hamburg
Eröffnung Künstlerhaus Lauenburg/Elbe 2002

In einer alten Sage aus dem böhmischen Quellgebiet der Elbe, wird von Bergleuten erzählt, die im Riesengebirge unterhalb des Elbfalls einer geheimnisvollen Tätigkeit nachgingen: "... in dem Wiesengrund wirst du finden ein klein Flößlein und in demselben wirst du finden Perlen als die Erbsen groß. Aber auf der anderen Seite, unter der schwarzen Tanne, ist viel Gold verborgen, und es ist soviel Gold, daß zwei oder drei Königreiche damit zu bezahlen wären".

Etwa 800 mit der Streichholzschachtel im Schulatlas gemessene Kilometer weiter westlich steht in Lauenburg zwischen dem großen Strom und der hohen Kirche ein Künstlerhaus: Flußschiffe ziehen vorbei und grüßen mit ihrem Namen: Moldau und Merseburg, Alte Liebe, Gertrud und Glückauf. Um die Kirche herum ist es meist still. An den Wochenenden bevölkern Tagesgäste die Elbstraße, deren Bewohner in oft eigenwillig dekorierten Fenstern von ihrem Leben erzählen, vielleicht, damit man sie in Ruhe läßt.

Die Melancholie ist eine Kraft zwischen nah und fern. Diese Überschrift hat Erdmute Prautzsch - noch vor ihrer Lauenburger Zeit - für ihre Malerei gefunden. Sie ist aus Hamburg hiergekommen und hat jetzt am Ufer festgemacht für ein knappes Jahr. Gehen wir an Bord:

Es ist nicht ganz einfach, die schmale Treppe hinabzusteigen, um einen Blick in die geräumige Stube zu werfen. Hier wohnt sie also: Erdmute Prautzschs Bilder schildern das Leben im Wohnzimmer des Gefühls. Kommen Sie ruhig näher, genießen Sie Farbe und Form, Ausstrahlung und Atmosphäre, aber geben Sie auch ein wenig acht, hier wird gelebt und auch ein bißchen gelitten, vergessen Sie nicht, Sie sind hier zu Besuch. möchten Sie etwas trinken, ein Stück Kuchen, eine Zigarette?

Die Malerei der inneren Landschaft hat ihre eigenen Gesetze. Es geht um Tiefe und Sammlung, träumende Versenkung in Muster und farbiges Licht. Das Auge durchmißt den Raum - vom Haus zum Garten zum Zaun, hinauf in die Blätterkrone der Bäume - vom Holz zum Himmel: da hängen die Trauben: rund und schön - nah und fern.

"Denken sie daran, daß Raumvertiefung im Kunstwerk immer das Entscheidende ist", schrieb Max Beckmann im ersten der drei Briefe an eine Malerin, "Raum, dessen wesentliche Bedeutung identisch ist mit Individualität, oder das, was die Menschen Gott nennen."

Erdmute Prautzschs Vorfahren mögen zum Teil aus Böhmen kommen, wie ich mich zu erinnern glaube, oder auch nicht. Sie versteht sich jedenfalls auf die Schatzsuche - und ob sie sich eines Tages davon ein Königreich kaufen kann - wer weiß?

 

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